Gemeindebriefe

Gemeindbrief 1/2019

2019 | Ausgabe 1 - 2019 | Dezember - Januar

03.12.2018 | 4,3 MiB

Angedacht

O du gabenreiche Zeit?

Mein Briefkasten quillt über. In Plastik verschweißte Broschüren, Kataloge und Prospekte – und alle haben sie nur den einen Sinn: mir bei der Geschenkauswahl für meine Lieben behilflich zu sein. Weihnachten naht – das ist auch am Briefkasten spürbar.
Dass es Geschenke zu Weihnachten gibt, daran war Martin Luther nicht ganz unbeteiligt. Lange Zeit wurde Weihnachten nur in der Kirche gefeiert. Kleine Leckereien für die Kinder brachte am 6.12. St. Nikolaus, ein besonders kinderfreundlicher Bischof. Nun mochte Luther den damaligen Kult um die Heiligen sowieso nicht und auch die Geschenke am Nikolaustag sah er kritisch. Je weiter sich die Reformation ausbreitete, umso mehr wurde St. Nikolaus durch das Christkind ersetzt. Dass später der durch Coca Cola populär gewordene rot-weiße Weihnachtsmann
diese Rolle übernahm, ist eine andere Geschichte.
Was bleibt, ist die Frage der Geschenke – jedes Jahr neu. Manche Kinder nutzen den vollen Briefkasten und schneiden ihre Wünsche für den Wunschzettel aus. Oft läuft es bei Erwachsenen ähnlich: Was wünscht du dir? – Wunschbestellungen, die am Heiligen Abend ausgeführt werden. Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich mag
Geschenke, packe gerne ein und aus und freue mich auch an der Freude der anderen. Aber gerade an Weihnachten geht es ja eben nicht um das, was bestellt und dann geliefert wurde – im Gegenteil. Gewünscht wurde im römischen Imperium ein Widerstandskämpfer, geschenkt wurde ein Kind. Gewünscht wurde ein strahlender Gottesbeweis, einer, der sich mit dem Kaiser messen und ihn in seine Schranken weisen konnte – die Geburt fand in Armut statt, dabei waren Hirten.
Die biblischen Geschichten erzählen von dem Überraschenden, Unerwarteten, von dem, was irgendwie nicht von dieser Welt war und doch mitten in ihr geschah. Vielleicht finden sich Reste davon in dem oft heimlichen Wunsch vieler Menschen, dass andere sie zu Weihnachten wirklich überraschen, das Geschenk für sie finden, das sie nicht bestellt haben, sich aber so sehr wünschen. Das klappt ja doch auch selten und
sorgt dann wieder für Enttäuschungen.
Wie kann das anders gehen mit den Geschenken und dem Überraschenden, Unerwarteten zu Weihnachten? Die Prospekte im Briefkasten helfen da leider nicht wirklich. Ich freue mich immer, wenn Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, auf einer Weihnachtskarte schreiben: „In diesem Jahr gibt es nicht die obligatorische Flasche
Wein, wir unterstützen die Arbeit der Jugendwerkstatt“. Oder wenn eine Frau, die am Heiligen Abend alleine ist, mit dem Friedenslicht vor ihrer Tür eine Einladung zur Weihnachtsstube in Burgdorf bekommen hat. Oder wenn es Geschenk genug ist, einfach miteinander Zeit zu haben – auch für das Geschenke auspacken.

Gesegnete Feiertage wünscht Ihnen

Susanne Paul

Gemeindebrief Nr.5/2018, September-November

2018 | Ausgabe 5 - 2018 | September - November

15.09.2018 | 3,3 MiB

Angedacht

Wie schnell uns doch der Alltag wieder hat! Nach zwei Wochen Urlaub Wäsche waschen, Schulbücher sortieren, sich auf den vollen Schreibtisch, auf die Staus auf dem Weg zur Arbeit einstellen. Und dann ist er für viele wieder da: der Alltag.

Gleichförmig oft, Arbeit, Schule, Haushalt, Sport im Wochenrhythmus. Die familiären Verpflichtungen bei den Kindern und Enkeln, in der Pflege. Und schwubs, ist der Urlaub, die Auszeit wieder nur noch Erinnerung, wie die schönen Fotos an der Pinnwand, die Muschel im Bad oder die Steine, die der Jüngste heimlich ins Auto geschmuggelt hat. Und die nächsten gemeinsamen Ferien – das dauert!

Daran zu denken, kann ganz schön frustrierend sein. Oder die Ermutigung, bis zu den nächsten großen Ferien kleine Auszeiten zu planen: den Saunagang regelmäßig in den Kalender schreiben, gemeinsam kochen und spielen, immer mal wieder einen Abend ohne Kinder, Stunden nur für mich, im Café mit einem Buch, sonntags in die Kirche!

Klar, anderes ist oft immer wichtiger! Ich glaube, Gott weiß das. Deshalb gibt es den Tag in der Woche, an dem geruht werden, an dem der Alltag draußen bleiben soll. Und deshalb gibt es auch die Feiertage, über das Jahr verteilt – im Sommer weniger, da sind wir oft unterwegs. Aber im Frühjahr und jetzt im Herbst kommen sie. Und sie fragen uns: wie wollt ihr leben – in Frieden? Was tut ihr dafür? Was sind eure Hoffnungen? Wie trauert ihr und auf was vertraut ihr im Angesicht des Todes? Was läuft schief in eurem Leben und wie und mit wem könnt ihr es ändern? Volkstrauertag, Buß-und Bettag und Ewigkeitssonntag – drei stille Tage, die Gott und uns Raum geben für diese Fragen!

Und vielleicht gibt es nach ihnen neue Erinnerungen – an einen ganz besonderen
innigen Moment, an ein Gebet, eine brennende Kerze!

Susanne Paul

Gemeindebrief 4/2018

2018 | Ausgabe 4 - 2018 | Juni - August

16.06.2018 | 1,0 MiB

Angedacht

Der Wecker klingelt viel zu früh. Mühsam quäle ich mich aus dem Bett und taste mich ins Bad. Doch selbst am Frühstückstisch bin ich noch im Automaten-Modus. In der Zeitung finde ich zwischen Todesanzeigen und Katastrophenmeldungen auch nichts, was mich aufbaut. Also lese ich ein Kalenderblatt mit kurzen Gedanken
zu einem Bibelvers. „Was auch immer geschieht, seid dankbar!“, schreibt Paulus. Schlagartig bin ich wach und sofort voller Opposition. „Paulus hat mal wieder die Zeitung heute Morgen nicht gelesen“, ereifere ich mich. Andererseits liegt es in der Natur der Medien, dass ich dort nur wenig gute Nachrichten finde, die mich dankbar stimmen könnten.
Noch einmal nehme ich das Kalenderblatt in die Hand und lese auf der Rückseite:
Ich bin dankbar…
Ÿ- für die laut geäußerten Beschwerden über die Regierung, weil das bedeutet, dass wir in einem freien Land   leben und das Recht auf freie Meinungsäußerung haben,
Ÿ- für die Frau in der Gemeinde, die hinter mir sitzt und falsch singt, weil das bedeutet, dass ich gut hören kann,
Ÿ- für die Wäsche und den Bügelberg, weil das bedeutet, dass ich genug Kleidung habe,
-Ÿ für das Durcheinander nach der Feier, das ich aufräumen muss, weil das bedeutet, dass ich von lieben Menschen umgeben war,
-Ÿ für den Rasen, der gemäht, die Fenster, die geputzt werden müssen, weil das bedeutet, dass ich ein Zuhause habe,
Ÿ- für den Wecker, der morgens klingelt, weil das bedeutet, dass mir ein neuer Tag geschenkt wird.

Vielleicht sollte ich den Tipp von Eckart von Hirschhausen befolgen und mir ein Glückstagebuch kaufen. Hier schreibe ich hinein, was ich an Schönem erlebe, welche Dinge mir gut tun, all die Begegnungen, die mich froh stimmen, alles was Gott mir schenkt. Und wenn es dann mal einen Tag gibt, an dem die schlechten
Nachrichten mich herunterzuziehen drohen, dann nehme ich mein Glückstagebuch zur Hand und erinnere mich. Es tut mir gut, dankbar zu sein.

Seien Sie behütet!
Ihre

Anja Schawohl

Gemeindebrief Ausgabe 3 - 2018 | April - Mai

2018 | Ausgabe 3 - 2018 | April - Mai

14.04.2018 | 775,4 KiB

„Ich bekenne mich schuldig!“ sagte ich, als mein Mann im Schrank die letzte halbe Tafel Schokolade suchte – ich hatte sie aufgegessen. Und ich musste lächeln, weil ich da so eine gestelzte Formulierung benutzt hatte. „Ich bekenne …!“ das hört sich gewichtig und irgendwie altmodisch an. Schade eigentlich.
Ich finde es ja wichtig, sich zu etwas zu bekennen, für etwas einzustehen. Die jungen Menschen in Amerika, die am Wochenende vor Ostern zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen sind und gegen die Waffenleidenschaft in Amerika protestiert haben – die Bilder davon haben mich bewegt und ich bin mir sicher, sie werden etwas verändern. „Ich bekenne“ – das heißt, ich habe etwas als so wichtig erkannt, dass ich es laut und deutlich sage und mit meiner Person dafür einstehe. Nicht immer einfach. Wenn ich mich zeige, werde ich verletzlich, angreifbar. Aber ich finde auch Verbündete, andere, die sagen: „Da habe ich schon lange drauf gewartet, dass eine mal aufsteht, mir fehlte der Mut!“
An den ersten Maisonntagen bekennen 36 Jungen und Mädchen ihren Glauben bei der Konfirmation. Auch das ist nicht immer ganz einfach. „Ich bekenne mich zu Gott!“- große Worte, die heute so kaum noch jemand sagt. Aber die Konfirmandínnen und Konfirmanden haben versucht, das, woran sie glauben, wozu sie sich bekennen, aufzuschreiben. Einige dieser Bekenntnisse lesen sie in diesem Gemeindebrief. Und mich hat es sehr beeindruckt, wie ernsthaft sie versucht haben, ihren Glauben an Gott mit ihrem Wissen über die moderne Welt zusammenzubringen.
„Ich bekenne mich zu Gott“ heißt heute ja auch: Das Maß der Dinge ist nicht all das, was wir Menschen können, erforschen und besitzen. Nein, gerade weil so viel möglich ist, so viele Entscheidungen tagtäglich zu treffen sind, ist es gut, eine innere Richtschnur zu haben, einen Wegweiser durch das Gewirr all der Möglichkeiten. Für mich ist mein Glaube an Gott so eine Richtschnur, eine Kraft, die mir hilft, aufzustehen und zu sagen: „Dafür möchte ich einstehen, das bekenne ich!“ Es wäre wunderbar, wenn die Konfirmanden und Konfirmandinnen diese Kraft auch spüren und mutig werden: „Das bekenne ich und dafür stehe ich ein!“