Gemeindebriefe

Gemeindebrief 4/2019

2019 | Ausgabe 4 - 2019 | Juni - August

06.06.2019 | 3,2 MiB

[Sommer... Leben?!]

Erinnern Sie sich noch? „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ fragte Rudi Carrell vor langer Zeit und kam damit in die Hitparaden. Diese Frage müssen wir uns in diesem Jahr nicht stellen. Im letzten Sommer kamen Urlauber und Ferienkinder auf ihre Kosten, die Freibäder machten Rekordumsätze – die Landwirte und Gärtnerinnen allerdings hatten schlaflose Nächte – und das nicht nur, weil sie schon in der Nacht mit der Bewässerung anfangen mussten.

So ist das ja oft mit dem Wetter. „Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall!“ heißt ein altes Sprichwort. Niemanden kann man es komplett recht machen. Mir jedenfalls geht es so, dass ich den Zyklus unserer Jahreszeiten liebe. Alle haben sie ihre Besonderheiten und nur wenn ihr Wechsel funktioniert, kann ich die einzelnen Zeiten genießen: die Wärme nach der Kälte, die Sonne nach dem Dunkel, den warmen Kerzenschein nach sommerlichen Nächten, den kuscheligen Schal nach dem Baumwollhemd. Und das ist ja nicht nur bei den Jahreszeiten so. Zyklus und Wechsel gehören zum Leben. In nur glücklichen Zeiten geht leicht das Gefühl dafür verloren, was für ein Geschenk dieses Glück ist. In aller Tiefe beginnt es erst zu strahlen, wenn ich auch die andere Seite, das Traurige, Schwere kenne. Und die warme Sonne, die monatelang strahlt, wird zur Gewohnheit, wenn nicht zwischendurch kühlere Zeiten und Regen kommen.

Unsere Erde hat ihre Zyklen, ich glaube, dass sie aus Gottes guten Gedanken für diese Welt entsprungen sind. Und wir sollten tunlichst darauf achten, dass wir diese Kreisläufe nicht durcheinanderbringen – oder besser: nicht mehr, als wir es schon getan  haben. Klimawandel, Artensterben, Dürre und Überschwemmung – alles Zeichen dafür, dass die Natur ihr Gleichgewicht immer mehr verliert. Die Schülerinnen und Schüler, die freitags für ein Umdenken demonstrieren, setzen erste Akzente. Die Bemühungen, Plastik zu vermeiden, umweltbewusst mit Strom, Wasser und anderen für uns notwendigen Energien umzugehen sind weitere wichtige Schritte. Und für mich gehört auch dazu, nicht zu vergessen, dass es in meinem Leben nicht darum geht, für mich allein den optimalen Zustand zu erreichen, sondern dass ich in Bewegung bin mit anderen, mit dem Rhythmus von Kommen und Gehen, von Sommer und Winter, von Licht und Dunkel. Und zu meinen Lebensaufgaben gehört es dann auch, wirklich in diesen Zeiten zu leben und ihre Schönheiten zu entdecken. Und dann genieße ich den Sommer und die Sonne – in dem Wissen, dass der Regen kommen wird und dass das Kaminfeuer im Winter mich auf andere Art wärmen wird. In diesem Sinne einen segensreichen Sommer voller Entdeckungen und voll Genuss!

Susanne Paul

Gemeindebrief 3/2019

2019 | Ausgabe 3 - 2019 | April - Mai

05.06.2019 | 5,4 MiB

[ Hoffnung ]

Es gibt Worte, die sind so groß und sperrig. Hoffnung ist so ein Wort. Alle nicken, wenn jemand sagt: „Hoffnung ist wichtig, ohne Hoffnung gibt es doch kein Leben!“ Und alle kennen dieses Sprichwort: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Oder die Geschichten von Menschen, denen ihre Hoffnung in auswegloser Situation geholfen hat. Wie groß und sperrig dieses Wort ist, wird dann deutlich, wenn es ein bisschen konkreter werden soll. Wie ist das, wenn ich hoffe? Was lässt mich hoffen? Und wie ist das, wenn es gerade so richtig ausweglos in mir ist? „Gib bloß die Hoffnung nicht auf!“ Das ist dann leicht gesagt, aber schwer gelebt. Auch deswegen, weil ich mir Hoffnung nicht selber machen kann.
Sie ist ein Geschenk, etwas, was ohne mein Zutun in mir wächst. Wie ein Filter legt sie sich über meinen Blick, mein Denken, mein Fühlen. Das sich selbst eingesamte Stiefmütterchen, das zwischen den Gehplatten wächst, es wird zum Zeichen für die Kraft im Kleinen. Und die nehme ich mit, wenn Widerstände mich zu sehr in Schach
halten.
Dieser Moment, wenn ich spüre, dass mich etwas durch Traurigkeit und Scheitern trägt und mir zeigt: so bleibt es nicht, es wird wieder anders. Und die Momente, wenn ich das nicht spüre, aber an meiner Seite Menschen sind, die für mich
hoffen, an denen ich mich aufrichten kann.
Wenn ich die Geschichten der Bibel lese, die von geschenkter und geteilter Hoffnung erzählen.
Von Jesus, der am Kreuz stirbt, Gott schreiend fragt, warum er ihn verlassen hat – und trotzdem hofft, dass Gott es hört.
Von dem Zöllner, der ausbeutet und betrügt und sich Hoffnung auf ein anderes Leben schenken lässt.
Von der Frau, für die Jesus nichts tun will und die ihn doch überzeugt, weil ihre Hoffnung für ihr Kind so groß ist.
Hoffnung bleibt ein großes und sperriges Wort, weil sie sich nicht vereinnahmen lassen will. Weil sie ein Lebenswort ist, geschenkt in der Zusage: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Der Filter, durch den wir auf unser Leben sehen können.
Und wenn unser Blick mal beschlagen ist, darauf hoffen, dass andere so auf unser Leben sehen, für uns hoffen. So kann Ostern werden!

Susanne Paul

Gemeindebrief 2/2019

2019 | Ausgabe 2 - 2019 | Februar - März

08.02.2019 | 2,1 MiB

[ Zeit zum Durchatmen ]

... Zeit für Freiräume ...

Von oben fällt ein roter Vierer in das Spielfeld. Wenn ich ihn jetzt schnell drehe, passt er noch links an den Rand. Doch dazu komme ich nicht mehr, denn da taucht schon der nächste Klotz auf: Ein dicker blauer Würfel. Ärgerlich, der lässt sich einfach nicht mehr unterbringen und schon ist das Spiel vorbei.
Ok, ich muss gestehen, ich bin kein wirklicher Fan von Computerspielen. Aber kennen Sie noch Tetris? Seit 20 Jahren wird Tetris auf großen und kleinen Computern gespielt. Die Idee ist, kleine geometrische Formen so in einen rechteckigen Behälter fallen zu lassen, dass ganze Reihen komplett ausgefüllt werden. Das muss ziemlich schnell passieren, denn es kommen dauernd neue Spielsteine von oben nach. Kommt mir mein Leben auch so vor? Ständig prasseln neue Anforderungen auf mich ein und ich kann die alten Aufgaben gar nicht schnell genug erledigen. Manchmal
möchte ich einfach nur noch die Pause-Taste drücken. Aber dies muss noch und jenes ... Muss es wirklich?
„Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause“, hat Elizabeth Barrett Browning es formuliert. Einfach einmal Pause machen. Durchatmen. Luftholen. Umdenken. Umsortieren. Neu ausrichten. Das wäre schön! Wie kann im Alltag so eine Atempause gelingen?
Ich lade Sie ein, sich in unsere Kirche in Ehlershausen zu setzen. Mitten in der Woche, auf dem Weg vom Arzt oder zum Einkaufen anhalten. Die Kirche ist von 7 bis 19 Uhr offen für jeden. In der Andachtsecke lädt eine brennende Kerze ein, den Gedanken freien Raum zu geben. Ich kann zur Ruhe kommen, neue Antworten auf meine Fragen finden, vielleicht ja sogar Gott hören.
Um Neues zuzulassen, um Veränderung zu gestalten, brauchen wir Zeit zur Orientierung. Vielleicht auch den Mut etwas anderes sein zu lassen. Ein „Immer-weiter-so!“ bringt uns nur in Zeit- und Atemnot. Pause-Taste drücken! Mal abwarten, was dann alles passiert.
Es sagt ja keiner, dass ich die Pausenzeit unbedingt mit Tetris-spielen verbringen muss! ;-)

Ihre Diakonin

Anja Schawohl

Gemeindebrief 1/2019

2019 | Ausgabe 1 - 2019 | Dezember - Januar

03.12.2018 | 4,3 MiB

Angedacht

O du gabenreiche Zeit?

Mein Briefkasten quillt über. In Plastik verschweißte Broschüren, Kataloge und Prospekte – und alle haben sie nur den einen Sinn: mir bei der Geschenkauswahl für meine Lieben behilflich zu sein. Weihnachten naht – das ist auch am Briefkasten spürbar.
Dass es Geschenke zu Weihnachten gibt, daran war Martin Luther nicht ganz unbeteiligt. Lange Zeit wurde Weihnachten nur in der Kirche gefeiert. Kleine Leckereien für die Kinder brachte am 6.12. St. Nikolaus, ein besonders kinderfreundlicher Bischof. Nun mochte Luther den damaligen Kult um die Heiligen sowieso nicht und auch die Geschenke am Nikolaustag sah er kritisch. Je weiter sich die Reformation ausbreitete, umso mehr wurde St. Nikolaus durch das Christkind ersetzt. Dass später der durch Coca Cola populär gewordene rot-weiße Weihnachtsmann
diese Rolle übernahm, ist eine andere Geschichte.
Was bleibt, ist die Frage der Geschenke – jedes Jahr neu. Manche Kinder nutzen den vollen Briefkasten und schneiden ihre Wünsche für den Wunschzettel aus. Oft läuft es bei Erwachsenen ähnlich: Was wünscht du dir? – Wunschbestellungen, die am Heiligen Abend ausgeführt werden. Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich mag
Geschenke, packe gerne ein und aus und freue mich auch an der Freude der anderen. Aber gerade an Weihnachten geht es ja eben nicht um das, was bestellt und dann geliefert wurde – im Gegenteil. Gewünscht wurde im römischen Imperium ein Widerstandskämpfer, geschenkt wurde ein Kind. Gewünscht wurde ein strahlender Gottesbeweis, einer, der sich mit dem Kaiser messen und ihn in seine Schranken weisen konnte – die Geburt fand in Armut statt, dabei waren Hirten.
Die biblischen Geschichten erzählen von dem Überraschenden, Unerwarteten, von dem, was irgendwie nicht von dieser Welt war und doch mitten in ihr geschah. Vielleicht finden sich Reste davon in dem oft heimlichen Wunsch vieler Menschen, dass andere sie zu Weihnachten wirklich überraschen, das Geschenk für sie finden, das sie nicht bestellt haben, sich aber so sehr wünschen. Das klappt ja doch auch selten und
sorgt dann wieder für Enttäuschungen.
Wie kann das anders gehen mit den Geschenken und dem Überraschenden, Unerwarteten zu Weihnachten? Die Prospekte im Briefkasten helfen da leider nicht wirklich. Ich freue mich immer, wenn Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten, auf einer Weihnachtskarte schreiben: „In diesem Jahr gibt es nicht die obligatorische Flasche
Wein, wir unterstützen die Arbeit der Jugendwerkstatt“. Oder wenn eine Frau, die am Heiligen Abend alleine ist, mit dem Friedenslicht vor ihrer Tür eine Einladung zur Weihnachtsstube in Burgdorf bekommen hat. Oder wenn es Geschenk genug ist, einfach miteinander Zeit zu haben – auch für das Geschenke auspacken.

Gesegnete Feiertage wünscht Ihnen

Susanne Paul