Gemeindebriefe

2018 | Ausgabe 1 - 2018 | Dezember - Januar

2018 | Ausgabe 1 - 2018 | Dezember - Januar

06.12.2017 | 1,5 MiB

Angedacht

Einem alten Brauch nach wird die leere Krippe bereits zu Beginn der Adventszeit im Wohnzimmer aufgestellt. Der Weg der Beteiligten wird dadurch veranschaulicht, dass die Krippenfiguren an verschiedenen Orten im Haus starten. Maria und Josef in der Küche, die drei Weisen am Ende des Flures, usw. Täglich werden die Figuren ein Stück näher in Richtung guter Stube verschoben, bis sich alle am Heiligen Abend an der Krippe unter dem Weihnachtsbaum versammeln.

Der weite Weg zur Krippe
Als Esel wird mir nachgesagt, dass ich störrisch sei. Na ja, manchmal mag der Umgang mit mir nicht ganz leicht sein. Mein Dickschädel passt nicht durch jede Tür. Und notfalls nehme ich eben die Wand. Ich habe einen eigenen Kopf und
vertrete selbstbewusst meine Meinung. Ich knicke nicht gleich ein, wenn der Wind mir mal stärker entgegenweht. Erreiche ich mit meiner Beharrlichkeit nicht auch viel Gutes?

Nun habe ich ein Ziel und es wäre doch gelacht, wenn ich diese steile Kellertreppe nicht hinaufkäme! Dann nur noch den Flur entlang und ins Wohnzimmer: Dort wartet die Krippe auf mich. Ich weiß, dass sich durch das kleine Kind unsere Welt verändert. Da will ich dabei sein! Das will ich miterleben!

Ich arbeite als Hirtin. Geld verdiene ich zwar wenig, aber meine Herde habe ich gut im Griff. Alle hören auf mich. Ich bin engagiert: Elternvertreterin im Kindergarten, Schriftführerin im Förderverein der Schule. Die anderen freuen sich immer, weil ich mir die ausgefallensten Geschenke für die Erzieherinnen und Lehrer einfallen lasse. Da gebe ich alles!

In diesem Jahr haben sie mich ins Badezimmer gestellt. Von hier aus soll ich mich auf den Weg zur Krippe machen. Klar, dass ich wieder den längsten Weg zurücklegen muss. Hauptsache, ich halte durch. Was ist, wenn ich krank werde? Der Alltag fordert so viel Kraft. Manchmal denke ich, ich schaffe das alles nicht mehr. Doch dann habe ich meine Kinder vor Augen und ich raffe mich auf. Wie schön wäre es, wenn die Krippe auch für mich etwas bereithält. Etwas Erholung wäre toll. Oder darf ich sogar auf Veränderung hoffen? Genug lamentiert, jetzt muss ich los.

Von wo aus auch immer Sie Ihren Weg zur Krippe antreten - es lohnt sich, ihn zu
gehen. Der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, ist ein gutes Ziel. Eine gesegnete
Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen
Ihre
Anja Schawohl

Gemeindebrief 5/2017

2017 | Ausgabe 5 - 2017 | September - Oktober - November

08.09.2017 | 740,8 KiB

Angedacht

Sie ging mit langsamen Schritten auf dem breiten Weg. Das Laub quatschte unter ihren Füßen. Den Weg zurück ins Leben fand sie immer noch schwer, wenn sie vom Friedhof zurückkam. Die Lücke, die sich in ihrem Leben aufgetan hatte, hielt sie nur schwer aus. Dass die Tage kürzer wurden, dass die Dunkelheit schneller kam, machte es nicht leichter. Sie atmete tief ein – ein bisschen modrig roch es, feuchte Erde, nasses Laub. So roch der Herbst. Diesen Geruch liebte sie schon immer. Doch jetzt nahm sie ihn in sich auf wie eine Verheißung. Das farbige Laub, das mit jedem Windstoß vom Baum fiel, die Kastanien, Eckern und Eicheln, die auf dem Boden lagen, die kleinen Äste, die unter ihren Füßen knirschten – all das wandelte sich, wurde fruchtbare Erde. Das brauchte Zeit, dunkle Zeit wie den Herbst und manche Wintertage. Aber der Herbstgeruch trug schon die Verheißung des Frühlings in sich. Sie erinnerte sich noch an den letzten Frühling, als sie das Restlaub zusammenharkte und die ersten grünen Triebe sichtbar wurden.
Noch ein ganz tiefer Atemzug – es war, als richtete er sie ein wenig mehr auf, als drückte er ihre Schultern nach hinten und half ihr den Blick zu heben. Auch sie war mitten in ihrer dunklen Zeit, ihre Trauer verschleierte so oft ihren Blick. Aber sie spürte auch die Verheißung des Frühlings. Diese Hoffnung, dass nichts verloren geht, dass sich Leben in Gottes Hand nur wandelt. Dieses Gefühl, verbunden zu sein mit dem fallenden Laub und der Erde, in der die kleinen Hoffnungstriebe sich ihren Weg suchten. Nichts und niemand kann uns trennen von der Liebe Gottes! Ein letzter tiefer Atemzug – dann lief sie los, um ihren Bus noch zu erreichen!
Seien Sie behütet!

Susanne Paul

Gemeindebrief 4/2017

2017 | Ausgabe 4 - 2017 | Juni - Juli - August

06.06.2017 | 1,3 MiB

Angedacht

Im Moment sind sie überall zu sehen: die Autos mit Anhängern auf dem Weg zum Grünabfallplatz, die Frauen und Männer, die sich in den Gartenabteilungen der Baumärkte umschauen, um Geranien, Lavendel, Olivenbäume und anderes zum Pflanzen zu kaufen. Und über den Gartenzaun hinweg findet wieder so manches Gespräch statt. Wie schön, dass die Luft wärmer, die Sonne strahlender, die Umgebung bunter wird. Und wie schön, dass es Menschen gibt, die solche Freude am Graben und Hacken, am Pflanzen und Düngen, am Mähen und Gießen haben, Menschen, die schöne Plätze für sich und andere gestalten. Die Verbundenheit mit dem Wachsen und Säen, dem Ernten und Pflanzen ist so alt wie die Menschenheit.
Die Bibel erzählt von der Gottesbegegnung im Garten, als Gott dort spazieren ging. Dieses Bild vom im Garten schlendernden Gott hat mich immer tief beeindruckt. Harmonie und Bei-sich-sein, die Freude an der Schönheit, die Ruhe. An das Eingebunden-sein in den Kreislauf von Vergehen und Neu-werden denken, ohne Angst oder Sorge zu haben, sondern es wahrzunehmen als selbstverständlich zum Leben dazugehörig. Gärten machen auf besondere Weise satt – nicht nur, weil in ihnen manchmal Tomaten, Bohnen und Kartoffeln wachsen, sondern weil ihre Fülle uns ansteckt, uns erfüllt. Und weil wir in ihnen anderen Menschen begegnen: beim Schwätzchen über den Zaun, beim gemütlichen Grillen, beim gemeinsamen Arbeiten, beim Einfach-nur-da-sitzen und in den Himmel schauen.
Ein Ruheplatz, Begegnungen mit Gott und der Welt, lautes Singen und Plaudern, stilles Beten und einer Melodie zuhören, gemeinsames Feiern und Lachen – das wünsche ich mir auch für Luthers Garten, der in diesem Sommer an unserer Kirche entstehen wird. Wenn Menschen aus der Kirche kommen, wenn die Kinder der Ü-Kirche draußen spielen, wenn Radfahrer und Radfahrerinnen auf den Bänken sitzen und Ehlershäuser den Platz nutzen, um nach dem Einkaufen auszuruhen und dem Summen der Bienen in der Lutherrose lauschen, wenn die Teamer und Teamerinnen der Ferienbetreuung mit den Kindern auf dem neuen Holzpodest toben und wenn die Lutherrose an einen Menschen erinnert, der Gott in seinem Leben unendlich viel Platz eingeräumt hat, dann gibt es vielleicht diesen einen kleinen Moment, wo spürbar ist, dass Gott mitten unter uns spazieren geht. Ich freue mich darauf – und auf zahlreiche Begegnungen mit Ihnen!!

Susanne Paul

2017 | Ausgabe 3 - 2017 | April - Mai

2017 | Ausgabe 3 - 2017 | April - Mai

10.05.2017 | 1,5 MiB

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Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand

Ü-Kirche am Freitagnachmittag. Mein Blick fällt auf Paul. Gerade ist er ein Jahr alt geworden. Unsicher steht er auf seinen kleinen Beinen, rudert unbeholfen mit den Armen und versucht, das Gleichgewicht zu halten. Wackelig tastet er sich einen Schritt vor und plumps – fällt er wieder um. So geht das nun schon eine ganze
Weile. Paul scheint es nicht zu stören, am Boden zu liegen. Kaum ist er hingefallen, steht er schon wieder auf und konzentriert sich auf sein Ziel.
Mich beeindruckt diese Energie, mit der sich Paul den Herausforderungen des Lebens stellt. Wie er sich nicht ablenken lässt, nicht aufgibt, immer wieder aufsteht, unermüdlich.
Aufstehen, auch wenn die Klassenarbeit wieder einmal hinter den gesteckten Erwartungen zurückbleibt. Aufstehen, auch wenn wieder nur Absagen auf all die Bewerbungen im Briefkasten landen. Aufstehen, auch wenn die Kraft nachlässt und Schmerzen die Freude an der Bewegung vereiteln. Aufstehen, egal wie tief der vorherige Fall auch war. Woher nehme ich den Mut, aufzustehen?
Durch Jesu Auferstehung am Ostersonntag bekomme ich eine grundlegend neue Hoffnung geschenkt. Gottes Sohn sagt mir zu: „Fürchte dich nicht! Du suchst mich bei den Toten. Aber ich lebe. Ich bin auferstanden, wie ich es vorausgesagt habe. Und ich sage dir: Glaube, vertraue mir und baue auf mich. Gerade dann, wenn du den Mut verlierst, will ich dir helfen. Ich kann dir Kraft geben für deinen nächsten Schritt. Ich halte dir die Hand und stärke dich. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ganz unten zu sein. Ich war selber dort und habe die Tiefe durchlitten. Kein menschliches Erleben ist mir fremd. Darum darfst du dich ganz auf mich verlassen. Du kannst nicht tiefer fallen als in meine ausgestreckte Hand. Ich verspreche dir: Genauso, wie ich auferstanden bin, wirst auch du auferstehen. Jeden Tag aufs Neue und ebenso am Ende deines irdischen Lebens.“ Diesen Lebensmut wünscht Ihnen
Ihre
Anja Schawohl