Von der Freiheit eines Christenmenschen

Die Freiheit des Schmetterlings
Die Freiheit des Schmetterlings

Zu den heute noch inspierierenden Schriften Luthers gehört eine zweite Schrift des Jahres 1520, in der er religiöse und theologische Fragen behandelt, die jeden einzelnen Christen betreffen. Luther bringt hier, wieder an Paulus und Augustinus anknüpfend, den Gedanken der Freiheit mit der Religion in eine enge Verbindung, ein Ansatz, der fortan und bis heute die christliche Theologiegeschichte nachhaltig prägte. Religion hatte und hat ja oftmals mit Zwang zu tun: Sie wird erzwungen und sie erzeugt selbst Zwänge.Für Luther aber macht der Glaube einerseits frei, und er darf andererseits auch nicht mit Zwängen belegt werden. Freiheit gründet bei Luther allerdings in der Bindung an Gott, und sie mündet in die Verpflichtung zum Dienst am Nächsten.

Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520):
WA 7, S.12-38; DDStA 1, S 277-315Martin Luther, Tractatus de libertate christiana (1520):
WA 7, S. 39-73; StA 1, S.260-309; LDStA 2, S. 101-185

Zum Ersten: Damit wir gründlich erkennen können, was ein Christenmensch ist und wie es um die Freiheit beschaffen ist, die ihm Christus erworben und gegeben hat, wovon Paulus viel schreibt, will ich diese zwei Leitsätze aufstellen:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Diese zwei Leitsätze sind klar: Paulus, 1. Korinther 9,19: “Ich bin frei von jedermann und habe mich doch jedermann zum Knecht gemacht“, ebenso Römer 13,8: „Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt.“ Liebe aber, die ist dienstbar und untertan dem, was sie lieb hat. So heißt es auch von Christus, Galater 4,4: „Gott hat seinen Sohn gesandt, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“

Zum Zweiten: Um diese zwei sich widersprechenden Reden von der Freiheit und von der Dienstbarkeit zu verstehen, müssen wir bedenken, dass jeder Christenmensch von zweierlei Natur ist: geistlicher und leiblicher. Nach der Seele wird er ein geistlicher, neuer, innerer Mensch genannt, nach dem Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und äußerer Mensch genannt. Und um dieses Unterschiedswillen werden von ihm in der Schrift Dinge gesagt, die sich strikt widersprechen, wie ich jetzt von der Freiheit und der Dienstbarkeit gesagt habe.

Der innere, geistliche Mensch ist frei

Luther zeigt, dass die Freiheit eines Christen darin besteht, dass ihm Äußerlichkeiten -Werke- zur Seligkeit weder nutzen noch schaden. Seine Freiheit verdankt er Christus, und er erlangt sie durch den Glauben. Diese Freiheit kann ihm sogar durch Unterdrückung und Gefangenschaft nicht geraubt werden.

Luther fragt ferner nach dem Sinn der göttlichen Gebote in der Heiligen Schrift und sagt, dass sie dem Menschen zeigen sollen, dass er zum wirklich Guten unfähig ist. Gerade wer viele gute Dinge tut, wird im Kern häufig von Selbstsucht getrieben, ist also in Wirklichkeit ein Sünder. Ein Mensch, der dies erkannt hat und dadurch gedemütigt wird, greift zu der ihm in Christus angebotenen göttlichen Gnade und hört auf die in der Bibel enthaltenen Worte der Verheißung. Der Glaube, so Luther, verbindet die menschliche Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Wie in einer Ehe entsteht eine Gütergemeinschaft, und Christus nimmt der Seele die Sünden ab und lässt die Seele an seiner Gerechtigkeit teilhaben. Christus gibt den Gläubigen ferner teil an seiner geistlichen Königsherrschaft und an seinem Priestertum. Letzteres verleiht jedem Christen das Recht, wie ein Priester vor Gott zu treten und Gott für andere zu bitten.

Um diese komplizierten Zusammenhänge zu erläutern, wendet sich Luther, nachdem er zwischen dem äußeren und dem inneren Menschen unterschieden hat, zunächst dem inneren Menschen zu.

Zum Dritten: Wenn wir uns den inneren, geistlichen Menschen vornehmen, um zu sehen, was dazu gehöre, dass er ein frommer, freier Christenmensch sei und heiße, so ist offenbar, dass ihn kein äußerliches Ding frei noch fromm machen kann, wie es auch immer genannt werden mag. Denn seine Frömmigkeit und Freiheit und umgekehrt seine Bosheit und sein Gefängnis sind nicht leiblich noch äußerlich. Was hilft es der Seele, dass der Leib nicht gefangen, frisch und gesund ist, isst, trinkt, lebt, wie er will? Umgekehrt: Was schadet es der Seele, dass der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, dürstet und leidet, wie er nicht gerne will? Von diesen Dingen reicht keines bis an die Seele, sie zu befreien oder zu fangen, gut oder böse zu machen.

Zum Vierten: Ebenso hilft es der Seele nichts, wenn der Leib heilige Kleider anlegt, wie die Priester und Geistlichen tun, auch nicht, wenn er in Kirchen und heiligen Stätten ist, auch nicht, wenn er mit heiligen Dingen umgeht, auch nicht, wenn er leiblich betet, fastet, wallfahrtet und lauter gute Werke tut, die durch und in dem Leib immer geschehen können. Es muss noch ganz etwas anderes sein, das der Seele Frömmigkeit und Freiheit bringt und gibt. Denn alle diese eben genannten Stücke, Werke und Weisen kann auch ein böser Mensch an sich haben und üben, ein Gleisner und Heuchler. Auch entsteht durch ein solches Wesen kein anderes Volk als lauter Heuchler. Umgekehrt schadet es der Seele nichts, wenn der Leib unheilige Kleider trägt, an unheiligen Orten ist, wenn er isst, trinkt, nicht wallfahrtet, nicht äußerlich betet und alle die Werke anstehen lässt, welche die eben genannten Heuchler tun.

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Der äußere Mensch ist zum Dienst verpflichtet

Im zweiten Teil der Freiheitsschrift entfaltet Luther seine Ethik und zeigt, dass nur der in Christus durch den Glauben frei gewordene Mensch in der Lage ist, selbstlos anderen Menschen Gutes zu tun. Er braucht dafür keine Gebote im Sinne von Vorschriften, sondern handelt, erfüllt von der ihm von Gott geschenkten Liebe, automatisch richtig, so wie ein guter Baum gute Früchte bringt.

Nun kommen wir zum zweiten Teil, zum äußeren Menschen. Hier wollen wir allen denen antworten, die sich über die vorigen Reden ärgern und zu sprechen pflegen: Ei, wenn denn der Glaube alles ist und allein genügt, um fromm zu machen, warum sind dann die guten Werke geboten? So wollen wir guter Dinge sein und nichts tun! Nein, lieber Mensch, nicht so! Es wäre wohl so, wenn du allein ein innerer Mensch wärst und ganz geistlich und innerlich geworden, was bis zum Jüngsten Tag aber nicht geschieht. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anfangen und Zunehmen, welches in jener Welt zu Ende gebracht wird. Daher spricht der Apostel (Römer 8,23) von Spiritualprimizien, das heißt den ersten Früchten des Geistes. Darum gehört hierher, was oben gesagt wurde: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan. Das heißt: Sofern er frei ist, braucht er nichts zu tun, sofern er Knecht ist, muss er allerlei tun. Wie das zugeht, wollen wir sehen.

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Siehe, das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft wie der Himmel die Erde. Gott gebe uns, das recht zu verstehen und zu behalten! Amen.